ist tote kunst gute kunst?
Mai 1, 2007 um 9:26 pm | Veröffentlicht in augen betörendes auseinandergenommen, augen zerstörendes auseinandergenommen, blickfang, kri-tick, mind-masturbation | Hinterlasse einen Kommentarals ich gestern bodenseepeters artikel zu den collagen von nathalia edenmont gelesen habe musste ich an ein seminar in kunstgeschichte denken, an dem ich vor einigen semestern mal teilgenommen habe. dieses seminar setzte sich mit verschiedenen inszenierungen der modernen kunst auseinander und zwar unter dem aspekt deren “offenheit”, wie sie von umberto eco in seinem buch “das offene kunstwerk” definiert wurde. dabei geht es um die eigentliche intention vieler künstler, die kunst nicht nur ihrerselbst wegen zu exponieren sondern damit vor allem eine brücke zum betrachter zu schlagen und reaktionen hervorzurufen. die meisten menschen assoziieren kunst mit künstlerischer fertigkeit und dem handwerklich überdurschnittlichen geschick eines künstlers, doch diese erwartungen erfüllen sich bereits in den “exponaten” eines handwerks- oder hobbymarktes. doch worin liegt der unterschied zu jenen werken, die es bis in die museen schaffen um dort von selbsternannten kennern in nasaler manier zu ganz großer kunst hochgeschaukelt zu werden? ich denke es ist vor allem der anspruch des betrachters an den geistigen inhalt des werkes, der anspruch einem großen rätsel gegenüber zu stehen, das durch vielseitige interpretation gelöst werden will. sieht man sich zum beispiel landschaftsmalereien aus dem 18. jahrhundert an, so steht auf der einen seite das große zeichner- und malerische können des künstlers, erkennbar in den realgetreuen abbildern momenthafter landschaftsdarstellungen. auf der anderen seite jedoch gilt es, die versteckt eingearbeiteten zeitgenössischen symbole zu entdecken. mal sind es philosophische oder politische ansätze oder auch einfach abstrakte gesellschaftskritik, wie das häufig verwendete vanitas-motiv, welches den menschen ihre eitelkeit und vergänglichkeit vor augen führen sollte. fakt ist, dass jene schicht der “museums-kunst”-konsumenten schon immer das bedürftnis nach der entschlüsselung versteckter botschaften hatte und genau dieser anspruch der elementarste ist, den kunst zu erfüllen hat. die abstrakte verarbeitung von gedankenmaterial. da sich das wesen der kunst inzwischen radikal verändert und der grad der abstraktion immer drastischere ausmaße erreicht hat müssen die meisten künstler heute vor allem eines gut können: schreiben. es geht darum die individuelle intention die hinter jedem werk steht nochmal nachvollziehbar auf papier zu bringen um den betrachter auf dem wege der interpretation einer mentalen metamorphose oder auch realitätsformenden gehirnwäsche zu unterziehen . so gleicht der gang durch das museum dem spaziergang durch ein überdimensionales rätsellabyrinth: vor jedem exponat stoßen wir auf die erneute herausforderung den gedanken und der intention des künstlers auf die spur zu kommen. und selbst wenn sich manchmal lediglich herausstellt, dass genau diese individuelle zurechtlegung einer lösung hervorgerufen werden sollte – so wissen wir danach wenigstens bescheid. doch zurück zum offenen kunstwerk. oft ist es eben der betrachter in seiner funktion, welcher das objekt erst zum leben erweckt und das kunstwerk in diesem sinne vervollständigt. wie es zum beispiel in der szene der aktionskunst häufig praktiziert wird. und manchmal, da ist es sogar das gegenteil und der betrachter entscheidet in seiner interpretativen irrfahrt gar über den tod des exponates. so geschehen im februar 2000 auf einer vernissage des künstlers evaristti in dänemark. die ausgestellte rauminstallation hatte den namen “helena”. zu sehen waren 20 auf tischen plazierte moulinex-mixer in denen goldfische schwammen. eigentlich eine völlig nichtssagende und für jeden nachahmbare szene. doch auch hier lag die wahre intention e.’s nicht im exponat sondern vielmehr in seiner wirkung verborgen: e. wollte mit seinem werk anhand eines sozialen experimentes nachweisen, dass sich die menge der museumsbesucher in drei kategorien einteilen lässt: a) die aktiv-sadistischen b) die passiv-voyeuristischen und c) die moralisten. ….was ihm dann auch tatsächlich gelang. bereits am zweiten tag der ausstellung waren 16 goldfische durch die betätigung der mixer durch museumsbesucher zerhexelt worden. und das, obwohl erstens kein schild die besucher dazu aufgefordert hatte, diese einzuschalten und auch eigentlich der gängige museums-verhaltenskodex davon abhalten sollte ausgestellte werke zu berühren. darüber hinaus sollte man eigentlich meinen dass der durschnittliche bürger bereits durch die betrachtung der goldfische in den mixern in der lage sein müsste, sich die folgen der aktivierung geistig ausmalen zu können und durch die eigene moral vor einer ausführung zurückzuschrecken. tatsache ist dagegen, dass die besucher den rahmen der kunst benutzten, um sich über gesellschaftlich-moralische grenzen hinwegzusetzen und ihre sadistisch-voyeuristischen triebe hervorbrechen zu lassen. fazit: ich habe in diesem seminar gelernt, einen völlig neuen zugang zur betrachtung mir zunächst unverständlich scheinender kunst zu entwickeln. (ich habe damals eine arbeit über den von mir zunächst zutiefst verabscheuten wiener-aktionismus verfasst und meine meinung während der intensiven auseinandersetzung mit den thesen nietsch’s radikal geändert. zumindestens bin ich nun von dessen zutiefst philosophischen ansätzen und einer über die reine provokation hinausgehenden intention der publikums-beeinflussung überzeugt) was ich nun von den skulpturen (?) edenmont’s halte? ich weiß nicht so recht. ich hoffe jedenfalls, dass es nicht der eigene sadismus ist, der sie tiere zum zwecke der kunst töten lässt. sondern dass sie vielmehr einen spiegel schafft, der das bild sich empörender und dennoch genussvoll konsumierender in den deckmantel der kunst gehüllter voyeure wiedergibt…
(damit will natürlich auch gemeint sein, dass ich davon ausgehe, dass sie die tiere gar nicht erst tötet sondern dies zum zwecke der inszenierung nur vorgibt und bereits tote ausgestopfte tiere verwendet!)
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